Langweilig ist es woanders

Der Buchtitel passte genau zur Stimmung des Abends. Die Eheleute Bach hatten den Gästeführer Matthias Polster und seine Frau Claudia in die ehemalige Landgärtnerei eingeladen, um zusammen mit rund 50 Besuchern den amüsanten und interessanten Geschichten am Freitag Abend bei sommerlichen Temperaturen zu lauschen. Abwechselnd lasen Claudia und Ehemann Matthias Polster – übrigens erstmalig in einem Gewächshaus – selbst erlebte bzw. gut recherchierte Episoden mit meist geschichtlichem Hintergrund aus unserer Heimatstadt vor. Die erste bewegende Geschichte rankte sich sogleich um ein in der NW erschienenes Foto vom vor ca. 80 Jahren zerbombten Straßenzug (Rennstraße) mit dem heute noch stehenden Haus “Ilsemann”. Auf diesem Foto war nämlich auch ein junges Mädchen zu sehen und die NW-Leserin – inzwischen betagt – erkannte sich wieder. Polster recherchierte und erfuhr, dass die Frau später nie darüber sprach. Erst jetzt kam die Begebenheit mit ihrer ganzen Tragik ans Tageslicht. Sehr bewegend, so dass die Zuhörer innehielten.

Es ging aber hauptsächlich lustig zu an diesem Abend. Friseurmeister Bien in der Clarenstraße wurde erwähnt, der damals in den Sechzigern hochmodern an allen Frisierplätzen ein eigenes Telefon bereit stellte und um seine Außenwerbung kämpfen musste und sie nur genehmigt bekam, weil er eine ganze Reihe Fotos von Werbetafeln anderer Herforder Geschäfte beim zuständigen Amt vorlegen konnte. Diese Fotos gelangten später in die Hände von Matthias Polster, für den Informationen das Kapital für seine Arbeit darstellen. Somit kam er zu dem eindeutigen Schluss, dass Werbung bildet. Auch die unvergessliche “Erika”, ein Herforder Original mit oft skuriller Verkleidung und dem Spruch “Haste mal ne Mark?”, fand Erwähnung. Viele Herforder kennen sie noch. “Der mit dem Hut” (Matthias Polster) besucht die inzwischen 76-jährige auch heute noch, sie lebt jetzt in einem Seniorenheim.

Claudia Polster erzählte von ihrem Hund “Biggi”, einem wachsamen und gelehrigen Terriermischling und dessen Unternehmungen vom Stiftskamp hinunter in die Stadt. Der Rüde war schlau und nahm für den Rückweg gern den Bus, Linie 403, weshalb viele Herforder ihn wohl noch kennen. Auch die Bade- und Schwimmmöglichkeiten in Herford fanden Erwähnung. Besonders das Otto-Weddigen-Bad, dass fast zeitgleich mit dem Entstehen des H2O abgerissen wurde, beförderten ihre Erinnerungen an die seinerzeit noch kleine Tochter, die dort ihr “Seepferdchen” absolvieren sollte. Sie zeigte allerdings sehr wenig Interesse am Schwimmen und spielte immer nur am Beckenrand. Alle Kinder hatten schon ihr Abzeichen in der Hand, als die kleine Tochter als letzte aufgerufen wurde. Sie sprang zur allgemeinen Verwunderung – und insbesonders die des Vaters – ins Becken und durchschwamm es komplett, als hätte sie es heimlich geübt. Natürlich bekam sie damit ihr begehrtes Abzeichen, ihre Unlust zu schwimmen blieb aber.

Die gut vorbereiteten Vorträge wurden untermalt von alten Dias, so dass die Besucher direkt im Thema waren und sich örtlich orientieren konnten.

Es gab natürlich noch einige andere erstaunliche und lustige Geschichten, z.B. das Boot im 2. Stock in einem Haus am Gänsemarkt.

So ein Stadtführerehepaar hat eine Menge zu erzählen und es lohnt sich auf jeden Fall, eine solche Veranstaltung zu besuchen. Ein kurzweiliger Abend ist garantiert. Matthias Polster ist ständig interessiert an alten Fotos oder Dias. Wer noch altes Herforder Material hat, sollte sich an ihn wenden.

Zeitgleich konnten die Besucher auch noch die Gemälde- und Skulpturenausstellung von Katja Chaplin, Claudia Bach und Karl Heinz Sänger bewundern. Die drei sind im Künstlerforum organisiert und stellen ihre Exponate bis Ende Juni dort aus

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