2020 Marta neu erleben

Auch im fünfzehnten Jahr nach seiner spektakulären Eröffnung überrascht das Museum Marta Her-ford das Publikum wieder mit insgesamt sechs neuen Ausstellungen. Es sind ausschließlich Eigen-produktionen, die im engen Dialog mit den Künstler*innen und mit besonderem Bezug zur herausra-genden Raumdramaturgie des Frank-Gehry-Gebäudes entstehen. Dabei bleibt das Marta seinem Pro-fil als Museum für zeit¬genössische Kunst nach wie vor treu und wirft aus dieser Pers-pektive auch künstlerische Blicke auf Architektur und Design. So entsteht ein herausforderndes und kontrastrei-ches Programm, bei dem sich kleinere Einzelpräsentationen mit großen Themenschauen abwech-seln, die sich immer wieder auch die Frage nach der Rolle und Funktion des Museums der Zukunft stellen.
In dieser Hinsicht wird 2020 vor allem auf der Ebene des Besuchererlebnisses vieles anders. Unter dem Motto „Marta neu erleben“ wird sich das Museum schwerpunktmäßig um noch breitere Zugäng-lichkeit und erhöhte Aufenthaltsqualität kümmern, wird den Besucherdialog intensivieren und über-raschend neu gestalten. Bedingungsloser freier Eintritt für Kinder und Jugendliche, ein fest eingerich-teter museumspädagogischer Raum im Ausstellungsparcours, regelmäßige Öffnungstermine bis 22 Uhr, ein barrierearmes Info-Terminal und verstärkte Kommunikation in Leichter Sprache sowie der konsequente Ausbau des digitalen Museums sind nur einige der im Laufe des Jahres umzusetzenden Maßnahmen. Man darf mehr als gespannt sein!

Das Jahresprogramm 2020

Navid Nuur – Hocus Focus
26.01. – 26.04.20 (Lippold-Galerie), Eröffnung: So 26.01. um 15.00 Uhr
Der iranische Künstler Navid Nuur (*1976) setzt sich in seinem Werk mit zentralen Fragen der Wahrnehmung auseinander. So lässt er Unsichtbares sichtbar werden und schärft das Bewusstsein für die unscheinbaren Dinge in der Welt. Diese Ausstellung ist seit 2009 die erste umfassende Prä-sentation des Künstlers in Deutschland. Seine vielgestaltigen Arbeiten und Interventionen können als humorvoller und zugleich nachdenklich stimmender Kommentar und Spiegel der Realität erfahren werden. Mit augenzwinkerndem Spielgeist und philosophischer Gewandtheit können sich Besuchen-de aller Altersgruppen gemeinsam mit dem künstlerischen „Materialforscher“ auf den Weg machen, um die Welt mit neuem Blick zu sehen.

Glas und Beton – Manifestationen des Unmöglichen

29.02. – 07.06.20 (Gehry-Galerien), Eröffnung: Fr 28.02. um 19.30 Uhr
Fragile Zartheit oder kühle Erhabenheit? Schillernder Glanz oder spröde Oberfläche? Trotz ihrer au-genscheinlichen Unterschiede besitzen Glas und Beton eine lange gemeinsame Geschichte. Wie kaum ein anderes Material sind sie mit großen Architekturvisionen verbunden: von hell durchfluteten Kir-chenbauten über militärische Festungen bis hin zu funktionalen Wohnmaschinen. Die Künst-ler*innen der Ausstellung reagieren nicht nur auf das veränderte Leben in den Metropolen dieser Welt. Wie in einem alchemistischen Labor erkunden sie selbst den Weg des Materials zwischen Flie-ßen und Erstarren, testen die Grenzen des Möglichen aus, um brüchig gewordene Gesellschaftskon-zepte neu zu befragen. Konstruktionen aus Glas und Beton werden elegant und brutal in Szene ge-setzt, um zugleich den „schönen Schein“ einer ausgehöhlten Metaphorik energisch zu zerschmettern.
In Kooperation mit Anne Schloen, Köln
Künstler*innen: Matti Braun, Andreas Bunte, Daniel Buren, Louisa Clement, Thomas
Florschuetz, Daniela Friebel, Vincent Ganivet, Isa Genzken, Lena von Goedeke, Isa Melsheimer, Pen-nacchio Argentato, Túlio Pinto, Kilian Rüthemann, Kai Schiemenz, Tatjana Trouvé, Martin Walde und viele andere

Sehtest – Bewegte Blicke auf die Sammlung Marta
17.05. – 30.08.20 (Lippold-Galerie), Eröffnung: So 17.05. um 11.30 Uhr
Kann man Kunst auch mal ganz anders erleben? In dieser Ausstellung begegnen die Besuchenden ausgewählten Gemälden, Zeichnungen, skulpturalen wie auch filmischen Werken auf ungewöhnliche Weise. Wie verändert sich zum Beispiel der Blick auf ein Bild beim Betrachten aus liegender Perspek-tive oder wenn man sich körperlich betätigt? Welche (unbewussten) Augenbewegungen spielen beim Erfassen eines Bildes eine Rolle? Abseits von gewohnten Sichtweisen verleiten experimentelle „Sta-tionen“ in dieser Schau zu Kunsterlebnissen, die auch das eigene Sehen, Wahrnehmen und Begreifen thematisieren – ein ungewöhnliches Ausstellungserlebnis.

Trügerische Bilder – Ein Spiel mit Malerei und Fotografie
27.06. – 25.10.20 (Gehry-Galerien), Eröffnung: Fr 26.06. um 19.30 Uhr
Täglich werden im Internet Bilder in großer Geschwindigkeit angeschaut und geteilt. Die Werke der Ausstellung entziehen sich dieser schnellen Betrachtung, denn der erste Eindruck trügt und genaues Hinsehen ist gefragt. Sieben ausgewählte Künstler*innen prüfen dabei eingespielte Wahrnehmungs-mechanismen. Im Spannungsfeld zwischen malerischen und fotografischen Techniken thematisieren sie die Wahrhaftigkeit von Bildern und erschließen neue Deutungs¬zusammenhänge. Die Schau er-gründet dabei auf verblüffende Weise die Wechselseitigkeit von fotorealistischer Darstellung und malerischem Illusionsraum, in der das Reale nur andeutungsweise aufscheint.
Künstler*innen: Dirk Braeckman, Anthony McCall, Radenko Milak, Kelly Richardson, James White und andere

Brigitte Waldach – Marta-Preis der Wemhöner Stiftung 2020
20.09.20 – 17.01.21 (Lippold-Galerie), Eröffnung: So 20.09. um 11.30 Uhr
Die Berliner Künstlerin Brigitte Waldach erhält den Marta-Preis der Wemhöner Stiftung 2020. In ih-ren großformatigen Zeichnungen und begehbaren räumlichen Verspannungen kommt auch Texten und Klängen eine bedeutsame Rolle zu. Mit Linien und Worten ergründet sie geistesgeschichtliche und literarische Zusammenhänge. Ihre malerischen Textwolken, Raumzeichnungen und Klanginstal-lationen setzen sich immer wieder intensiv auch mit der deutschen Geschichte auseinander. Dabei gelingen der Künstlerin eindringliche Konstellationen und erhellende Assoziationsfelder, die ebenso sinnliche wie gedankliche Herausforderungen sind. Anlässlich des Marta-Preises entsteht jeweils ein neues Werk für die Sammlung Marta, das im Rahmen einer größeren Preisträger-Ausstellung erst-mals der Öffentlichkeit vorgestellt wird. Zur Ausstellungseröffnung findet dann auch die feierliche Ehrung der Künstlerin statt. Die Wemhöner Stiftung finanziert diesen alle zwei Jahre ausgelobten Preis mit 25.000 Euro. Die bisherigen Preisträger*innen sind das Duo Heike Mutter / Ulrich Genth (2014), Simon Wachsmuth (2016) und Peter Wächtler (2018).
Look! Enthüllungen zu Kunst und Fashion
14.11.20 – 11.04.21 (Gehry-Galerien), Eröffnung: Fr 13.11. um 19.30 Uhr
Mode war schon immer ein raffiniertes Spiel zwischen gesellschaftlichen Normen und individuellem Ausdruckswillen. Mehr denn je aber geraten heute Fragen nach Funktionalität und Haltbarkeit, Kon-sumdruck und Produktionszusammenhängen in den Fokus, während Kleidungsstücke in einer nie dagewesenen Menge und Geschwindigkeit hergestellt, getragen und abgelegt werden. Gleichzeitig hat sich Mode als ‚Fashion‘ zu einem komplexen Bedeutungssystem entwickelt, in dem sich Zugehö-rigkeit, Selbstdarstellung, Stile und Ansprüche spiegeln. Genau diese Symbolkraft nutzen zeitgenössi-sche Künstler*innen für faszinierende Expeditionen in den gesellschaftlichen Alltag. Jenseits von Be-kleidungszwang und Design-Ikonen machen sie Mode in dieser großen Themenausstellung als schil-lernde Erzählung über unsere komplexe Gegenwart erlebbar.
Die Insel im Marta
Mit dem Beginn von „Glas und Beton“ wird es ab März 2020 in den großen Gehry-Galerien erstmals einen fest eingerichteten museumspädagogischen Aufenthalts- und Arbeitsraum im Ausstellungspar-cours geben. „Die Insel im Marta“ ist ein neu entwickeltes Langzeitprojekt, das jeweils für ein gesam-tes Jah¬res¬programm von einem*r Künstler*in entwickelt und begleitet wird. Diese Insel wird in An-lehnung an das jeweilige Ausstellungsthema zu einem Ort der besucherzentrierten Geschehnisse, an dem Interaktion, Partizipation und die Auseinandersetzung mit der Kunst gefördert, aber auch das selbstbestimmte Verweilen ermöglicht wird. Den Auftakt 2020 macht der belgische Künstler Adrien Tirtiaux mit einer ebenso überraschenden wie architektonisch überzeugenden Installation für ab-wechslungsreiche Aktivitäten.
Vielfältiges Leben im Marta-Atelier
Mehr als je zuvor wird das Marta-Atelier als Kreativ- und Vermittlungsstätte des Museums Bege-gnungsort für Menschen aus allen Bereichen der Stadtgesellschaft sein. Mit neuen Angeboten, neuen Kursstrukturen und vielgestaltigen Nutzungsmöglichkeiten wird das pädagogische Team im Marta 2020 die intensive und barrierefreie Begegnung mit zeitgenössischer Kunst, Architektur und Design weiter ausbauen.
Das Marta Herford gehört mit 18 bundesweiten Projektpartnern aus der Kultur zum Netzwerk Kunst & Spiele der Robert-Bosch-Stiftung. Über einen Förderzeitraum von 2 Jahren konnten neue Vermitt-lungsformate im Rahmen der frühkindlichen Bildung erprobt werden. Ab Sommer 2020 wird aus den Erprobungen die frühkindliche Bildung einen neuen Schwerpunkt der schon bisher intensiv verfolg-ten Vermittlungsarbeit im Kita- und Schulbereich bilden. Hier sind feste Netzwerkstrukturen, innova-tive Angebote und gezielte dialogische Formate von besonderer Bedeutung. Darüber hinaus werden unter anderem ein neues Mal-Café für Menschen mit und ohne Behinderungen, ein Sonntagsatelier als Angebot über die verschiedenen Generationen hinweg, spezifisch auf die jeweiligen Ausstellun-gen hin entwickelte Themenwerkstätten sowie von bildenden Künstler*innen angeleitete Workshops für Erwachsene das Marta-Atelier weiter beleben. Angebote wie dialogische Führungen, poetische Rundgänge und offene Runden werden zudem neu konzipiert und engagiert auf die Erwartungen des Publikums hin fokussiert.

Das Museum als „Dritter Ort“
Mit einer neuen Aufenthaltsqualität in der Museumslobby wird sich das Marta Herford noch stärker für alle Besuchenden öffnen und ganz unterschiedliche, ausstellungsunabhängige Verweilmöglichkei-ten anbieten. Durch den Ausbau des freien WLAN-Netzes, durch komfortable Sitzgelegenheiten, ein barrierearmes Webterminal, vielleicht sogar eine Kaffeebar rückt das Museum noch deutlicher als offener Ort der Begegnungen in die lokalen Freizeitangebote.
Freier Eintritt für Kinder/Jugendliche
Zum 29.02.2020 wird auch eine neue Preisstruktur im Marta Herford eingeführt, die dann unter an-derem auch endlich den freien Eintritt für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre ermöglicht sowie spe-zielle Ermäßigungen für jungen Menschen in Ausbildungsverhältnissen bereithält. Auch eine neue Jahreskarte und attraktive Angebote für Mehrfachbesuche werden noch stärker auf die Bedürfnisse des Publikums eingehen.

Aus Marta21 wird Marta22
Ein abendlicher Museumsbesuch – bisweilen auch mit überraschenden kleinen Veranstaltungen in den Ausstellungen – ist an jedem ersten Mittwoch des Monates fast schon Marta-Tradition. Ab dem Neujahrstag 2020 wird dieses besondere Kunsterlebnis nun sogar noch um eine weitere Stunde bis 22 Uhr verlängert. Zusätzlich kann man an diesen Marta22-Abenden nach dem „Pay-What-You-Want“-Prinzip (Zahle, was du willst) selbst bestimmen, was man dem Museum für den Ausstellungs-besuch zahlen möchte – von einer großzügigen Spende für die weitere Arbeit bis zu einem kostenlo-sen Eintritt. Auch weiterhin werden die Marta-Kunstsprecher*innen mit dabei sein, die mit den Be-suchenden immer wieder in den direkten Dialog gehen oder in einzelnen „Kunstmomenten“ über ausgewählte Werke und Themen sprechen.

Das digitale Museum
Gleich vier Mal wurde das Marta Herford im Rahmen von landes- und bundesweiten Förderprojekten ausgewählt, modellhaft und innovativ an neuen digitalen Angeboten zur arbeiten. Neben der Investi-tionsförderung für ein neues barrierearmes Informationsterminal in der Lobby vergab das Land Nordrhein-Westfalen für 2020 eines von zehn Forschungsvolontariaten an das Marta Herford, um einen digitalen Sammlungsverbund zeitgenössischer Museen zu entwickeln und aufzubauen. Geför-dert durch das Kultursekretariat Gütersloh wird Anfang April 2020 der Kongress der internationalen Kuratoren für zeitgenössische Kunst (IKT) zu einem großen Symposion unter dem Titel „Die Welt der (digitalen) Bilder – Jede*r ist ein Produzent“ aus allen Teilen der Erde nach Herford kommen. Außer-dem ist das Marta Herford gemeinsam mit drei weiteren Kulturträgern vor wenigen Tagen als Part-ner in das Förderprogramm „Fonds Digital“ der Kulturstiftung des Bundes aufgenommen worden: Mit dem Projekt „Offene Welten. Digitale Parcours durch die Räume unserer Zeit“ werden über drei Jahre hinweg neue Möglichkeiten der Kunsterfahrung vor allem im öffentlichen Raum erarbeitet.
Und schließlich wird sich im Laufe des Jahres auch das Online-Angebot von Marta Herford noch ein-mal in neuem Gewand und mit neuer Funktionalität präsentieren.

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