Zwangssterilisation

„Zu viele NS-Täter sind davon gekommen“: Herforder Kuratorium will ehemaligem Amtsarzt Verdienstkreuz entziehen lassen und überreicht Landrat Unterlagen

Kreis Herford. Else Gothe aus Herford war Hausangestellte und fiel auf, weil sie „aufmüpfig“ war. Sie habe öfter die Stelle gewechselt, sei uneinsichtig und geistig sehr zurück geblieben. Diagnose: Angeborener Schwachsinn – Antrag auf Unfruchtbarmachung.

Beantragt hat die Zwangssterilisation 1937 der Herforder Amtsarzt Dr. Heinrich Siebert. Sein Gutachten ging an das damalige Erbgesundheitsgericht. Es war Teil der Sozial- und Gesundheitspolitik der Nationalsozialisten. Durch Rassenhygiene sollte erbkranker Nachwuchs verhütet werden.

„Täter und Beteiligte waren auch Ärzte, Krankenpfleger, Beamte und Verwaltungskräfte. Ärzte haben sich ganz deutlich entgegen ihrem Heilauftrag schuldig gemacht, durch vielfache Menschenrechtsverletzungen. Das können wir so nicht stehen lassen“, erklärt Dr. Wolf Müller, selber Mediziner und seit Jahren Mitglied des Herforder „Kuratoriums Erinnern Forschen Gedenken“.

Er und Helga Kohne haben sich mit der NS-Vergangenheit von Dr. Heinrich Siebert befasst und die Ergebnisse in einer Dokumentation zusammengestellt. Siebert war demnach neben seiner Funktion als Amtsarzt des Gesundheitsamtes u.a. auch Mitglied der NSDAP und des NS Ärztebundes, auch war er Leiter der nationalsozialistischen Volkswohlfahrt. Trotz dieser Vergangenheit wurde Dr. Siebert 1961 das Bundesverdienstkreuz verliehen – für seine Verdienste um das öffentliche Gesundheitswesen.

„Es ist so viel an Universitäten, Krankenhäusern und Arztpraxen verschleiert worden. Es ist immer tragisch, wenn Täter davon kommen. Wir wollen nicht nur erreichen, dass einem Täter das Bundesverdienstkreuz entzogen wird, sondern auch einen Anstoß für weitere gesellschaftliche Debatten geben“, erklärt Helga Kohne, die sich seit mehreren Jahrzenten für NS-Opfer einsetzt und dabei immer auch Täterinnen und Täter in den Blick nimmt.

Nach den zusammengestellten Unterlagen des Kuratoriums war Dr. Siebert in der Zeit von 1935 bis 1945 als Stellvertreter und später als Leiter des Gesundheitsamtes für mindestens 188 Zwangssterilisationen verantwortlich. Zahlreiche Fälle, in denen er Untersuchungen und Intelligenztests durchgeführt hat, sind dokumentiert. Hinzu kommen von ihm erstellte Gutachten, wie das der 25Jahre alten Herforderin Else Gothe, die gegen ihren Willen zwangssterilisiert wurde.

Die Dokumentation hat das Kuratorium jetzt an Landrat Jürgen Müller übergeben.
„Ich unterstütze die Arbeit des Kuratoriums. Zum einen, weil ich um die wissenschaftliche fundierte Recherche des Kuratoriums weiß, aber auch um die Verantwortung der Aufklärung. Viele Denunzianten in Deutschland und auch im Kreis Herford waren Beamte. Es war, ist und bleibt wichtig, für die Unantastbarkeit der Würde des Menschen einzutreten.“
Bereits auf der alljährlichen Mahn- und Gedenkveranstaltung für die Opfer von Patientenmord und Zwangssterilisation in der NS-Zeit im September 2018 hatte sich Landrat Müller bereit erklärt, das Kuratorium zu unterstützen. Er wird die zusammengestellten Unterlagen nun prüfen lassen und dann an die Bezirksregierung Detmold weitergeben, der zuständigen ersten Instanz für die mögliche Aberkennung von Verdienstkreuzen.

FotoGruppe1: V.l. Landrat Jürgen Müller hat Unterstützung zu gesagt. Friedel Böhse, Helga Kohne und Wolf Müller überreichen ihm die gesammelten Unterlagen, um einen Verdienstordensentzug prüfen zu lassen.

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